Evangelische Schwesternschaft Ordo Pacis
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„Auf dass sie alle eins seien...“

 

betet Jesus nach Johannes 17, 21 sehr eindrücklich. Einheit von Christinnen und Christen scheint von Anfang an nicht selbstverständlich gewesen zu sein, nicht einmal für Jesus Christus.

Gleichzeitig gab es immer den Traum von vollkommener Einheit – im Gebet, in der Gemeinschaft, mit Gott, mit Menschen. Dieser Traum trifft auf unsere Denkstrukturen, auf Vorurteile, auf Angst, auf Fragen. Kann ich mit jemandem eins sein, der mir fremd ist? Kann ich mit einer Schwester eins sein, deren Ansichten ich nicht teile? Hat fehlende Einheit mit Schuld zu tun? Sind wir zu individualistisch, fügen wir uns zu wenig ein? Setzt Einheit nicht eine größere Einheitlichkeit voraus? Und: Kann Gott, Inbegriff von Liebe und Vollkommenheit, überhaupt mit mir Mensch eins werden, mit uns als Gemeinschaft eins sein? Ist die Einheit, die Christus meint, sichtbar oder unsichtbar? Sie muss doch auch konkret sein – aber in welcher Art und Weise?

Der Gott Israels hat sich immer als ein Gott der Vielfalt gezeigt. Phantasien über Uniformität und ein durchgehendes schwarz-weiß Schema entsprechen ihm nicht, das zeigt gerade das Johannesevangelium. Auf einer grundsätzlichen Ebene herrscht große Klarheit. Da gibt es Licht und Finsternis und ihre jeweiligen Kinder: Abraham und den Teufel, Liebe und Hass, Welt und Himmel. Es ist davon auszugehen, dass Christus die Seinen – im hohepriesterlichen Gebet mit Ausnahme von Judas – selbstverständlich zu den „Kindern des Lichtes“ zählt. Im Konkreten entsprechen diese Lichtgestalten schon in den Evangelien keineswegs unseren Anforderungen: Abwehr der Kinder, Reserve gegenüber Frauen, Streit, Versuche, die Sitzordnung im Reich Gottes zu zementieren, Flucht und Verleugnung angesichts des Grauens. Diese Geschichten sind überliefert worden, weil sich in ihnen immer wieder Christinnen und Christen wiederfanden. Wer genau hinsieht, merkt also, dass es früher nirgends besser war – und die Kirche keine Verwässerung der heilen Welt am Anfang ist. Insgeheim erwarten wir dennoch von uns selbst, von der Schwester und von der Kirche mehr. Mehr Einheit, mehr Frieden, mehr Treue, mehr Engagement.

Wenn Jesus Christus um Einheit betet, sieht er sie nicht als selbstverständlich und nicht als herstellbar an. Er selbst hat sehr verschiedene Menschen berufen. Seine Berufung ergreift den ganzen Menschen – ohne ihn zu uniformieren, ohne die Berufenen „gleich zu schalten“. Die Vielfalt der Berufenen bildet die Vielfalt der Geschaffenen ab. Dass Christus so beruft, ist eine Zumutung. Sie zeigt ein großes Zutrauen – zu Gott, von dem die Einheit erbeten wird, zu uns, dass wir es lernen, Gottes Einheit anzunehmen und zu leben und ihr den Vorrang vor Phantasien der Uniformität zu geben.

Versuche, Einheit selbst zu schaffen, gab und gibt es mehr, als ich aufzählen kann. Einfache Lösungswege nach der Melodie „Wer Christ ist muss nur..., eine ordentliche Schwester betet...“ suggerieren, dass Pflichterfüllung zumindest Einheit mit Gott und ähnlich Engagierten schenkt. Anpassung, Zurückstellen eigener Fragen, Unbehagen ignorieren sind Strategien, sich selbst einheitlich zu machen. Es ist schwer zu verstehen, dass Christus uns als Verschiedene berufen hat und wir ihm als Verschiedene lieb sind. Keine muss anders werden, nur weil eine andere anders ist.

Zum Versuch, Einheit zu erzeugen, zähle ich auch Ordnungen, denen der Rang des Praktischen und Vernünftigen häufig nicht abzusprechen ist – die aber deswegen noch lange nicht den Rang letztgültiger Aussagen haben. Diese Differenzierung halte ich für wichtig. Wer berufen ist, kann eben nicht machen, was er oder sie will, kann auch nicht hemmungslos machen, wozu er oder sie sich berufen fühlt. Abstimmung, Einigung, oft auch Streit und Diskussion und auch Anpassung gehören dazu. Doch weder ein einstimmiges Ergebnis in wichtigen Fragen einer geistlichen Gemeinschaft noch eine erregte Diskussion sagen etwas über die Einheit aus, um die Christus bittet.

Den schwierigen Weg einer differenzierten Praxis finden wir bei Paulus. Götzenopferfleisch oder Beschneidung sind keine letzten Fragen – in diesem Punkt bleibt er hart.

Über die Praxis sagt das noch nichts aus. Es heißt nicht, dass Beschneidung nicht mehr praktiziert werden dürfe oder dass beim Fleisch alle Bedenken über Bord geworfen werden. Was die menschliche Einheit angeht, schlägt Paulus Rücksicht auf Schwächere vor. Ihm war allerdings noch nicht vor Augen, dass die „Schwachen“ ihre Bedenken als Waffe einsetzen könnten, oder dass machtbewusste Menschen mit der Schwäche eventueller Schwacher argumentieren könnten, um Dinge durchzusetzen oder zu verhindern. Unter der fehlenden geistlichen Einheit litt Paulus – aber er gab sich nicht der Illusion hin, dass sie durch eine uniforme Praxis herzustellen wäre. Das gilt für die eigene Frömmigkeit. Anders beim Gottesdienst. Er soll offenbar die Einheit der Gemeinde zumindest zeichenhaft darstellen; hier erfordert auch die Rücksicht eine gemeinsame Praxis. Alles war von Anfang an da: die Berufung der Verschiedenen, die Frage, wie sie eine Gemeinschaft sein könnten, die Versuchung, das Anderssein anderer abzuqualifizieren oder zu überhöhen, Grüppchenbildung und Rücksichtslosigkeit bis in die gottesdienstliche Praxis hinein. Alles unter den „Kindern des Lichtes“!

Die Entdeckung, dass Christus Verschiedene beruft, prägt Ordo Pacis praktisch. Frauen aller Lebensformen soll es in dieser Gemeinschaft möglich sein, ein Leben des Gebetes zu führen. Das Geschenk der Einheit und das Geschenk des Friedens sind wie ein weiter Raum. Darin sind wir in unserer Vielfalt. Wir bewegen uns in diesem Raum. Konstruktiv in Richtung Versöhnung. Destruktiv mit Rücksichtslosigkeit und Versuchen der Vereinheitlichung. Fassungslos und fragend und dann wieder glücklich. Im Vertrauen, dass der Friede da ist, dass das Gebet erhört ist und das Einssein im Grunde schon da ist, kann jede zuversichtlich ihre Berufung entfalten. Weil wir einander dabei nicht nur stützen, sondern auch verletzen, weil wir auch uns selbst behindern, steht vor Betreten des bereitgestellten Raumes immer wieder die Versöhnung. Jesus Christus bittet, dass wir eins seien. Wir antworten: Schaffe dir Raum, in uns und durch uns.

Sr. Renate Kersten

 

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