Evangelische Schwesternschaft Ordo Pacis
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Die betende Schwesternschaft

Wie beschreibt man eine Gemeinschaft, die zwar die Kriterien einer geistlichen Gemeinschaft erfüllt, aber bei der es schwer fällt, die äußerlichen Kennzeichen einer solchen Gemeinschaft mit einer kurzen Aufzählung oder nur einem Satz zu erfassen.

Die Schwesternschaft hat kein eigenes Zentrum, aber es gibt Orte – wie das Cella-Haus in Fleestedt – an denen man den Ordo Pacis intensiver kennen lernen kann als an anderen Orten. Die Schwesternschaft hatte einen kommunitär lebenden Kreis von Schwestern, aber dieser war nicht der innere Kreis – auch wenn das von außen gerne so verstanden wurde. Die Schwestern von Ordo Pacis leben nicht an einem Ort zusammen, aber manche schon. Die Schwestern von Ordo Pacis engagieren sich in ihren Ortsgemeinden, doch nicht jede ist in ihrer Gemeinde als Ordo Pacis Schwester bekannt. Die Schwestern halten das Stundengebet, aber nicht alle. Einige Schwestern meditieren und pflegen das kontemplative Gebet, andere aber nicht.

Was ist also der Ordo Pacis, wie erkennt man ihn?

Bei Ordensgemeinschaften hilft der Blick in die Regel, um das Spezifische zu erkennen. Dies trifft auch auf den Ordo Pacis zu. Die Regel der Schwestern von Ordo Pacis beginnt so: Gott hat uns zu einer Gemeinschaft zusammengefügt, damit wir gemeinsam im Gebet leben und so dem Frieden Christi allen Raum geben in uns und in der Welt. Alles Wesentliche über die Schwestern von Ordo Pacis ist in diesem Satz erfasst. Mehr muss man eigentlich nicht wissen, um sich dem Besonderen dieser Schwesternschaft anzunähern.

Der Ordo Pacis ist eine betende Gemeinschaft. Das ist das Entscheidende. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.

Das Gebet ist der Atem des Ordo Pacis

Das Gebet ist der Atem der Schwesternschaft. So wenig wie ein Mensch aufhören kann zu atmen, so wenig kann der Ordo Pacis vom Gebet lassen. So wie ein Mensch mal mehr, mal weniger bewusst atmet, so betet die Schwesternschaft. Sie betet. Manchmal ist sie sich dessen bewusster, als zu anderen Zeiten.

Die meiste Zeit atmet ein Mensch ohne darüber nachzudenken. Der Atem fließt. Eine betende Gemeinschaft betet auf genau diese Weise. Das Gebet fließt, es ist einfach da. In der Regel der Schwestern von Ordo Pacis heißt das: „entscheidend ist, betend zu leben, bei allem und in allem den betenden Christus in uns sein zu lassen, Ihm den ersten Platz einzuräumen – in allen Alltagssituationen, im Beruf, in der Ehe, in der Familie. Die Gegenwart Christi muss uns dabei nicht dauernd bewusst sein; es geht um die unbewußte Haltung der ständigen Offenheit für Ihn, die seine Gabe ist“ (1,6). Im Gebet ist die Gegenwart Christi da, so wie der Lebensstrom durch den Menschen hindurchfließt – selbst wenn die bewusste Wahrnehmung ihn nicht registriert. Von diesem dem Atem gleichenden Gebet legen die Berichte über das Gebetsleben der einzelnen Schwestern Zeugnis ab.

Da das Gebet im Ordo Pacis dem Atem vergleichbar ist, braucht es auch keinen Leistungskriterien zu genügen, denen unser gegenwärtiges Leben so gerne nachkommen möchte. Das Gebet fließt einfach so, wie der Lebensstrom. Es muss keinen Zweck erfüllen, ist kein Instrument, nicht einmal die Form des Betens unterliegt Normen. „Es ist ein Loslassen unserer selbst, und deshalb ist es nicht mehr abhängig von uns, von unserem Können oder Nichtkönnen, auch nicht von unserer Lust oder Unlust. Da es eine Hingabe ist an Gott, entzieht es sich unserer Kontrolle und unserem Bewerten“ (1,3). Das Beten will nur eines:  dem Frieden Christi Raum geben. Es geht nur um die Gegenwart Christi und um nichts anderes, denn alle Ziele und jeder Zweck im Leben kommen allein in und durch die Gegenwart Christi zur Wirklichkeit.

Solches Beten, das auf Leistung und Ziele verzichtet, macht zunächst den Eindruck, dass es von den Betenden nicht viel fordert. Entsprechend kann die Regel auch formulieren: „Wie auch unser Leben aussehen mag, dieses Leben im Gebet ist immer möglich“ (1,6). Doch der Vergleich mit dem Atem zeigt, dass auch die einfachen, selbstverständlichen und anspruchslosen Vollzüge an Kraft verlieren, wenn sie falsch eingeübt oder falsch gepflegt werden. Wie der Atem braucht das Gebet eine eigene Weise der Übung und eine eigene Weise, sich seiner selbst bewusst zu sein. Gelegentlich ist auch unser Atmen therapiebedürftig. Das merken wir immer, wenn wir kurzatmig werden oder wenn die Stimme versagt. Das kurzatmige Gebet verleidet die „Lust“ am Beten, hält die Unkonzentriertheit nicht aus. Es akzeptiert nicht, sich „Christus wirklich auszuliefern, Ihn wirken zu lassen, ...und Ihn nicht abzuwehren mit Müdigkeit, Langeweile oder Angst oder den vielen wichtigen Dingen“ (1,7).

Das tiefe Atmen

Wenn auch die meiste Zeit der Atem unbewusst bleibt, so gibt es Situationen, in denen man tiefer einatmet und sich mit allen Sinnen darauf konzentriert, den Lebensstrom in sich aufzunehmen. Im Frühjahr, wenn der Frühlingsduft in der Luft liegt; am Morgen mit dem ersten tiefen Atemzug; am Ende eines Weges, wenn die Kraft erschöpft ist. Das dem Atem gleichende Gebet ist auf diese Gelegenheiten gleichermaßen angewiesen. Es kennt die Situationen, in denen es aus dem sich selbst vergessenden Beten zum bewussten Gebet wird. So mag man die verbindlichen Gebete verstehen, auf die sich die Schwestern von Ordo Pacis verständigt haben: Das Gebet am Morgen als gemeinsamen Ausdruck der Hingabe, das Friedensgebet in der Mittagsstunde, das Gebet am Abend, mit dem der Tag mit Dank zurückgegeben wird und das Schwesterngebet am Sonntag. Sie sind bewusste Gebete, die dem bewussten Atmen im Laufe des Tages gleichen. Das Beten der Schwesternschaft kennt gleichermaßen das tiefe Atmen, das dem Frühlingsduft nachspürt. Das gemeinsame Beten bei Retraiten, Konventen etc., wenn Schwestern zusammen sind, gleicht diesem tiefen Einatmen, das mit allen Sinnen der Gegenwart Christi nachspüren kann. Dieses Beten in der Gemeinschaft öffnet die Herzen und Sinne auf andere Weise für die Gegenwart Christi, als in der betenden Einsamkeit einer Schwester.

Niemand kann immer bewusst atmen. Aber niemand sollte auf das gelegentliche bewusste Atmen verzichten. So ist es auch für das Beten der Schwestern von Ordo Pacis. Es geschieht nicht immer bewusst, aber es verzichtet auch nicht auf das regelmäßige bewusste Gebet. In diesem Wechsel von selbstvergessenem Beten und bewusstem Gebet ist der Ordo Pacis eine betende Gemeinschaft. Alle Fragen zu den Kriterien, die eine geistliche Gemeinschaft erfüllen muss, werden angesichts dieser Beobachtung zweitrangig. Die Schwesternschaft ist eine betende Gemeinschaft. Das ist das Entscheidende. Das Gebet ist der Atem des Ordo Pacis. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.

Katharina Wiefel-Jenner,

(bis 2009 Begleitende Pastorin vom Ordo Pacis)