Als Dozentin für die Kirche

Ich sehe meine Aufgabe darin, die Hoffnung, die zum Glauben gehört, groß zu machen. Hoffnung, Glauben und Liebe bleiben.

Von Schw. Katharina Wiefel-Jenner am 28. Juni 2026

Manchmal ist der Frust so groß, dass er sich nicht mehr verbergen lässt. Dann bricht es aus ihnen heraus: „Die da oben“ oder „die da im Kirchenamt“ wissen gar nicht, wie das vor Ort aussieht. „Sie merken nicht, was wir für die Kirche tun und wie viel mehr wir noch beitragen könnten – wenn man uns ließe.“ „Unsere Pastorin ist für zwölf Dörfer zuständig und hat gerade eine Vakanzvertretung hinzubekommen. Die nächsten Gemeindefusionen sind schon in Planung.“ „Neulich ist der Pfarrer im Nachbarkirchspiel zusammengebrochen, bei einer Trauerfeier! Er wollte unbedingt noch für
die Trauerfamilie da sein und war eigentlich krank.“ „Wenn wir als Ehren-amtliche uns nicht um unsere Gemeinde kümmern, gibt es keine Gottesdienste und die Kirchen bleiben leer.“
Die so frustriert, vor allem aber besorgt, über die Situation in ihren Gemeinden reden, sind die Teilnehmerinnen und Teilnehmer an Kursen zum erweiterten Lektorendienst, die ich leite. Das Ziel der Kurse ist es, dass die Teilnehmenden nach Abschluss des Kurses selbstständig einen Gottesdienst in ihrer Gemeinde liturgisch leiten und eine Lesepredigt halten. Über mehrere Monate treffen wir uns regelmäßig und erkunden gemeinsam die Liturgie und die Gebete, singen, proben die liturgischen Gesten, üben den aaronitischen Segen – auch mit dem Kreuzzeichen – und entdecken, welche Bedeutung das Kirchenjahr für die Gestaltung der Gottesdienste hat. Wenn es darum geht, sich eine Lesepredigt anzueignen, kann es sein, dass die Predigtworte, die eine fremde Pfarrperson geschrieben hat, nicht so flüssig über die Lippen gehen wollen. Aber dieses Problem lässt sich lösen. Wichtiger ist, dass jede Beschäftigung mit dem biblischen Text und seiner Auslegung unter der Hand zu einem kleinen Glaubenskurs wird. Die Neugier auf den biblischen Text wächst zur Neugier auf das, was den Glauben ausmacht. Die alten Worte und Lieder klingen neu. Die Bewegungen, die zuvor nur beobachtet wurden, werden zu eigenen Gesten, die eine neue, leibliche Erfahrung mit dem Glauben ausdrücken. Immer ist auch ein wenig Sorge dabei, ob es denn überhaupt erlaubt ist, was da geschehen soll. Ob es überhaupt möglich sein wird, die Aufregung und das Lampenfieber zu überwinden. Aber dann wächst von Mal zu Mal die Freude. Erst ganz vorsichtig und am Ende stellt sich dieses unglaubliche Gefühl ein, für das es ein Wort zwischen Glück und Segen geben müsste, aber das Wort ist noch nicht erfunden worden.
Den Teilnehmenden ist es ernst, wirklich ernst, mit der Kirche und sie sorgen sich um ihre Gemeinde. Sie sorgen sich auch um die Pfarrpersonen
in ihren Gemeinden. Und sie lieben die Kirche. Die wenigsten von ihnen würden das so formulieren. Aber wenn man die Ernsthaftigkeit, das Engagement und die große Kraft sieht, die sie einsetzen, damit in den Gemeinden der lebendige Atem des Glaubens spürbar wird, dann zeigt es sich, dass sie ihre Gemeinde, die Kirche und auch den dreieinigen Gott lieben. Sie leben auf ihre Weise eine Liebe, die ganz dem entspricht, was Paulus im Hohenlied der Liebe über sie sagt. Sie sind langmütig und freundlich, sie suchen nicht das ihre, sie freuen sich nicht an dem Elend in ihren Gemeinden, sie rechnen das Böse nicht zu. Aber manchmal bricht es eben aus ihnen heraus, wie sie sich sorgen, weil sie so gerne die Liebe zur Kirche und zu ihren kleinen Gemeinden auch bei denen erleben und spüren wollen, die dazu berufen sind, für den äußeren und institutionellen Stand der Kirche zu sorgen.
Ich teile die Sorge der Kursteilnehmenden. Wenn ihre Enttäuschung überbordet, fühle ich mich aber dafür verantwortlich, sie nicht nur zu trösten. Ich sehe meine Aufgabe darin, die Hoffnung, die zum Glauben gehört, groß zu machen. Tröstlich wirkt die Erkenntnis, dass sich die Kirche schon immer verändert hat und sich weiter verändern wird. Sie ist seit ihren ersten Anfängen im Wandel begriffen. Seit der Auferstandene die erste Gemeinde ausgesandt hat, sein Evangelium zu allen Völkern zu tragen, veränderte sie sich in ihrer Gestalt und in ihrer Weise, miteinander als Gemeinde zu leben. Aber Hoffnung, Glauben und Liebe bleiben. Die meisten wissen, dass ich einer Schwesternschaft angehöre. Als Schwester repräsentiere ich für sie Verbindlichkeit des Glaubens und beharrliche Liebe inmitten von allen Veränderungen in der Kirche. Manchmal werde ich danach gefragt, wie es ist, Schwester zu sein. Dann höre ich in der Frage vor allem die Sehnsucht danach, dass sie die beharrliche Liebe zu Gott auch dann noch spüren können, wenn sie inmitten von Gemeindefusionen und Lesegottesdiensten selbst zu Repräsentanten des Glaubens werden.

Schwester Katharina Wiefel-Jenner

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