Hingehen und Da-Sein

Bericht über 10-tägige ökumenische Exerzitien am Rande von Auschwitz im Sept. 2015.

Von Sr. Sibylle Ferner-Brecht am 2. Juli 2016

Wir waren eine Gruppe von 15 Frauen aus unterschiedlichen Gemeinschaften und verschiedenen Ländern: Deutschland, Frankreich, Belgien und der Schweiz. Unter der Vorbereitung und Leitung von Sr. Michele aus Grandchamp und Karin Seethaler als Exerzitienleiterin wagten wir das Experiment, 10 Tage im Schweigen der Erde von Auschwitz zu begegnen. Inzwischen ist darüber auch ein Artikel im Publik Forum erschienen (Nr. 5/16). Hier gebe ich Anteil an meinen persönlichen Eindrücken.

Kurz nach der Rückkehr, als alles Erlebte noch ganz nahe war, schrieb ich folgende Zeilen:

Über-Wunden

10 Tage im Schweigen leben
die Erde von Auschwitz und Birkenau aufnehmen,
in Gemeinschaft schweigen und beten ...

Der dunkle Teich mit der Asche vieler Toten,
der Wald des Wartens ohne Zukunft,
und doch noch hoffend?
Die Sauna, der Ort der Entwürdigung:
alles wird bis zur Nacktheit genommen ...

Mein Blick erfasst die brennende Kerze und die Blume
auf den Ziegelsteinen des zerstörten Krematoriums.
Zeichen des Lebens ...

Dann beten wir gemeinsam, schweigen gemeinsam,
teilen unsere Erschütterung und unsere Hoffnung auf Versöhnung
Wir feiern Eucharistie

Bleiben in Seiner Gegenwart – in der Unbegreiflichkeit Seiner Liebe.
Und Seine Bitte hören: Lasset euch versöhnen mit Gott.

(der vollständige Text wurde ins Polnische übersetzt und veröffentlicht in der Zeitschrift Oś Oświęcim – Ludzie – Historia – Kultura 93/2016 )

Jetzt, ein halbes Jahr später, schaue ich immer noch bewegt auf diese Zeit zurück und frage mich – lasse mich fragen: was ist davon geblieben, was wirkt weiter?
Es war sicher kein Zufall, dass zwei Tage nach meiner Rückkehr unsere Jahresretraite stattfand mit dem Thema „Gehorsam“. Das gab die Möglichkeit, nochmal in die Stille zu gehen, gemeinsam mit den Schwestern sich auf das Hören einzulassen. Der Platz im Herzen war noch so angefüllt –voll unsortierter Eindrücke. Es brauchte einige Zeit der Übung, um in die Stille zu kommen und das Mitgebrachte erst einmal so stehen zu lassen.

In unserer Regel heißt es:

Gehorsam ist immer ein Risiko, ein Sichausliefern an Gott. Wenn wir das vollziehen und die Stille vor Ihm aushalten, wissen wir, was wir zu tun haben.

Ohne Zweifel: Die Zeugnisse des Bösen und der gnadenlosen Vernichtung waren sichtbar. Eine Unmenge an persönlichem Leid, Ausgeliefertsein, verlorener Hoffnung spricht aus den aufgestellten Bildtafeln. Die Reste der von den Deutschen gesprengten Krematorien blicken auf uns, die erschreckende Realität der Todeszellen und der Todeswand, die Gaskammern ... Diese Begegnungen machen sprachlos, betroffen, schmerzen tief.
Wie gut, dass wir uns nach den Aufenthalten in Auschwitz und Birkenau in die Stille des Klosters zurückziehen können.
Das Schweigen, die Übung der Exerzitien, die Erfahrung der Gemeinschaft ist uns eine Grundlage für den Umgang mit dem Unvorstellbaren. Die Zeit der Stille ist Zeit für Gott. So unterschiedlich jede von uns das Gesehene verarbeitet, hierin bleiben wir gehalten. Durch alle Ungeheuerlichkeit hindurch erleben wir: Gott ist größer.
Opfer und Überlebende bezeugen das: So schreibt Etty Hillesum (eine niederländische Schriftstellerin, die in Birkenau starb):

sie können uns alles nehmen, aber das Wesentliche nicht.

Magda Hollander, eine noch lebende Überlebende, schreibt in ihrem Buch „Vier Stückchen Brot“:

„Ich bin sicher, dass DU, mein Gott, den Holocaust nicht wolltest und dass das Leiden jedes Einzelnen von uns Dein Leiden ist. Und ich weiß auch, dass jeder von uns Zeuge Seines Lebens, des Bundes, der Liebe und Versöhnung ist. Die Bollwerke, die wir zwischen uns errichten, schützen uns nicht, sie trennen. Liebe ist gratis, leicht wie ein Atemzug“.

Die Begegnungen mit der Erde von Auschwitz sind tiefgreifend. Die Nähe zu unzähligen Toten rührt an die eigene Existenz, lässt keine Kompromisse oder Unwahrheiten zu, deckt Verborgenes auf. Ich frage: Welche Verantwortung ist uns aufgetragen als Kinder/Enkel-Generation der Täter? Wir können uns nicht davon befreien – keiner wünscht ein solches Geschehen noch einmal. Die aktuelle gesellschaftliche und politische Situation mahnt uns an Unterlassenes, vielleicht Verdrängtes. Was können wir, die Lebenden, tun gegen das Vergessen?
Mir scheint: es gibt da keine eindeutige Antwort. Unser „Tun“ war es, im Schweigen und im Gebet, in Informationen und der Eucharistie-Feier eine Haltung dazu entstehen zu lassen. Die Übung der Exerzitien hilft dabei, ist wie ein Geländer, sodass wir nicht stecken bleiben: im Schmerz und in der Betroffenheit, im Wissen um Opfer und Täter, in der Frage, wie das Leben weiter geht. Die Wahrnehmung des Atems hilft: Jeder Atemzug ist ein neuer Anfang, geschenktes Leben.

Gemeinsam versuchen wir in Birkenau, dafür Zeichen zu setzen: Zeichen der Versöhnung, des Weiterlebens, der Wandlung:

  • Auf die zerstörten Gaskammern eine Kerze und eine Blume stellen.
  • Am Ort des Teiches, der so viel Asche von Verstorbenen in sich birgt, auf neu wachsende Bäume schauen, in die Stille hören.
  • Dem tröstenden Gesang des Kaddisch zuhören für alle namenlos Verstorbenen.
  • Als käme das Lied aus jener Welt des großen JA ...
  • Eine Rose legen auf die Rampe und an den Stacheldrahtzaun ...
  • In der Eucharistie gemeinsam teilhaben an der Feier des Lebens.

Wir durften auch erleben, wie sich ein kleiner Schritt in Richtung Ökumene ereignete. Pater Manfred, ein katholischer Priester aus Aachen, Leiter des Hauses Dialog und Gebet in Auschwitz, hielt mit unserer protestantischen Gruppe von Frauen täglich die Messe in beiderlei Gestalt. Dies geschah mit ausdrücklicher, schriftlicher Erlaubnis des Bischofs von Krakau, der auch einmal persönlich zu uns kam, um mit uns zusammen Messe zu feiern. Kleine Schritte aufeinander zu. Kleine Schritte aus dem Aneinander-leiden heraus.
Die Aussage des stellvertretenden Vorsitzenden der Jüdisch-Christlichen Gesellschaft in Polen kann das ergänzen. Er sagte: nicht Auschwitz, sondern der Berg Sinai könnte für die Juden der Ort der Hoffnung und Versöhnung sein. Auch hier leuchteten Aspekte von Versöhnung entgegen: der mögliche Blickwechsel von der Betroffenheit der Opfer auf die bleibende Verheißung Gottes.

Überwunden?

Viele Wunden sind noch nicht verheilt. Auch unsere Schuld am polnischen Volk können wir nicht klein reden. Die jetzige politische Situation zeigt die Folgen auf.
Der Erde von Auschwitz zu begegnen heißt für mich: anschauen was ist und Zeugnis davon geben. Im Da-sein – und im Bleiben (wenn auch nur für zehn Tage) die Arbeit vor Ort mittragen und die dort Tätigen unterstützen.
Pater Manfred und die Franziskanerinnen des Retreat-House Maximilian-Kolbe, in dem wir so liebevoll versorgt wurden, wünschen sich dringend, dass wir wieder kommen.
Auschwitz ist so für mich Auftrag und Geschenk zugleich geworden: Geschenk in der Erfahrung, dass Gott nahe ist, uns in Seine Versöhnung hinein ruft, die über unsere Grenzen hinaus geht.

In diesem Sinn schließe ich mit dem Friedensgruß unserer Schwesternschaft:
Der Friede Gottes ist mit uns – Sein Friede ist auf Erden.

Schwester Sibylle Ferner-Brecht

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