Reinheit als geistliche Grundhaltung – eine Annäherung

Versuch zum Wortfeld „Reinheit“: rein, keusch, unberührt, echt, authentisch. Mein erster Gedanke: Illusion.

Von Sr. Renate Kersten am 10. Juni 2017

I. Rein? Nichts und niemand!

Versuch zum Wortfeld „Reinheit“: rein, keusch, unberührt, echt, authentisch. Mein erster Gedanke: Illusion. Reinheit als Urzustand ist eine Illusion. Das unbeschriebene Blatt, die unberührte Natur – unberührt vom Menschen, der sich als nicht-Natur wähnt –, die Seele vor dem ersten Trauma ... Reinheit ist Illusion. Unschuld am Anfang? Oder doch Erbsünde? Das neu Geborene ist blutig. Das kleine Wesen hat schon viel aufgenommen. Ein unbeschriebenes Blatt ist es zum Zeitpunkt seiner Geburt längst nicht mehr. Schon haben so viele Wünsche und Erwartungen, Angst und Hoffnung hineingelegt. Reinheit am Anfang? Eher nicht.

Der Illusion ursprünglicher Reinheit folgt die des Großreinemachens, der Idee, man könne den angenommenen Urzustand wiederherstellen. Und da der Verlust der Reinheit häufig dem Verlust der Unschuld gleichgesetzt wird, muss es darum gehen, die vermutet ursprüngliche Schuldlosigkeit wiederherzustellen. So entsteht geistlicher Waschzwang. Alle Sünden bekennen, damit auch ja alle vergeben werden! Um wen geht es da gerade? Natürlich um mich. Meine Schuld, meine Unschuld. In mich verkrümmt sehe ich nur die Flecken auf meiner Weste. Reinheitsbestrebungen führen zum Verlust von Beziehungen. Der Beziehung zu den anderen – wer weiß, womit ich mich da anstecke! Aber auch zum Verlust der Beziehung zu Gott. Ich kann doch nie sicher sein, dass ich wirklich so rein genug bin. Gibt es nicht immer noch Schuldschmutz, der uns trennt?

Religiöse Reinheitsgebote wollen Beziehungsfähigkeit herstellen. Vor dem Betreten des Heiligtums bitte vorbereiten! Waschen, ordentlich anziehen, äußere Sauberkeit hilft zu innerer Fokussierung. Vor dem Opfern der Gabe mit dem Nächsten vertragen! Schließlich fordert auch die Welt Authentizität: Wer von Gott redet, darf nicht Wasser predigen und Wein saufen, wer mit Gott im Kontakt ist, muss sich dessen würdig erweisen.

„Was aus dem Menschen herausgeht, macht ihn unrein!“ (Markus 7,15)

Was wie eine Frühform des aufklärerischen Humanismus wirkt, verschärft die alten Reinheitsgebote. Hände waschen, das kann man einfach machen. Aber gerecht und gut leben? Als Bedingung, um mit Gott in Kontakt treten zu dürfen? Wenn Gott unseren Zugang zu seiner Liebe daran bindet, dass wir miteinander gut umgehen, dann wird es nichts mit uns. Ich passe.

... und lese in unserer Regel:

„Reinheit ist die Frucht des Opfers Christi.“

Reinheit ist Geschenk. Gott weiß längst, dass ich es nicht kann. Ich kann mich konform verhalten, das ja. Hände waschen, ordentlich anziehen, Regeln der Höflichkeit beachten, Schuhe ausziehen, wenn der Dornbusch brennt, mich an die Geschäftsordnung halten – das geht schon. Aber das andere, das geht eben nicht. Wie soll ich damit aufhören, schlecht über andere und mich selbst zu denken, berechnend zu handeln oder einfach mitzuschwimmen in Zusammenhängen, die nicht gut sind?

„Wer darf auf des Herren Berg gehen, und wer das stehen an seiner heiligen Stätte? Wer unschuldige Hände hat und reines Herzens ist, wer nicht bedacht ist auf Lug und Trug ...“ (Psalm 24,3–4)

Natürlich bin ich nicht auf Lug und Trug bedacht! Selbstrechtfertigung und Selbstverteidigung ergeben sich eher reflexhaft.

„Wie kann ein Reiner kommen von Unreinen?“ (Hiob 14,4)

Eben. Ich bin in eine Welt geboren und gestellt, die niemanden rein lässt – zumal niemand je rein war. Was eine kühne Sicht der Regel: So ist es eben. Reinheit ist Geschenk. Christus schenkt nicht nur die Beziehung, sondern auch die Fähigkeit, sie überhaupt aufzunehmen. Er löst aus der Verkrümmung, der Fixierung auf mich selbst. Er ist die Brücke zur Gotteswelt. Und er selbst legt sich als Brücke zwischen die Inseln, die wir ansonsten wären. Mein Nichtkönnen ist in dem, was er tut, gehalten. Ich bin als Sünderin gerecht.

II. Reinkommen. Drin sein.

Wer rein ist, darf rein. Wem Gott Reinheit schenkt – und Christus schenkt sich uns! – gehört dazu. Ordo Pacis ist ein Spielfeld, um das auszuleben. Der alte evangelische Rat „Keuschheit“ heißt bei uns „Reinheit“ und wird konkretisiert „Reinheit als völliges Offensein vor Gott“. Es ist die Grundhaltung, sie ist grundlegend für das Leben in unserer Gemeinschaft. „Kann ich nicht“ – geschenkt. Natürlich können wir das nicht. Reinheit ist geschenkt, und es ist möglich, sich beschenken zu lassen, sich in diese Haltung zu begeben. Auch, zuzugeben: ein Teil von „kann ich nicht“ heißt: „Will ich gar nicht“. In Gottesgegenwart zu leben ist schön und erstrebenswert, erschreckend und bedrohlich. Ganz offen vor Gott, ganz beeinflussbar vom Heiligen Geist, barfuß am Sinai, nackt und mit Auftrag – Berufungsgeschichten geben das Befinden gut wieder, dieses Ineinander von Begeisterung und Unmöglichkeit.

Einig sind wir uns, dass Gott sich jeder unter uns (und unendlich vielen Menschen mehr) schenkt und sie beruft, und dass Gott sich dabei weder von menschlichem Tun noch von menschlichen Lebensumständen abhängig macht. Deswegen buchstabierten unsere Schwestern in der Gründungsphase: Unsere Gemeinschaft ist für Frauen aller Lebensformen offen. Die Grundhaltung der Öffnung zu Gott hin lässt sich immer leben, und sie lässt sich nicht sichern. Wir sind gerufen, mit Gottes Offenheit zu uns hin zu leben, damit, dass Gott sich uns voraussetzungslos schenkt, damit, dass Gott mit uns auf dem Weg ist, obwohl wir selbst am besten wissen, dass wir phasenweise neben der Spur dieses Weges sind.

Zur Offenheit vor Gott gehört der Respekt vor Gottes Weg mit der anderen, mit meiner jeweils unbestreitbar wunderbaren Schwester, die mir den letzten Nerv raubt, weil sie so anders ist als ich. Die Grundhaltung der Reinheit, der Offenheit für Gott, führt unmittelbar zur Achtung vor der Verschiedenheit unter uns Menschen. Grenzüberschreitungen, Übergriffe, Vorschriften, wie andere ihr Leben meiner Meinung nach zu führen hätten – all das steht gegen ein reines Herz, das Gottes Erwählung respektiert. Schwesternschaft ist ein Spielfeld, das zu entdecken: Hier sind Gottes geliebte Kinder, an denen Gott Wohlgefallen hat. Offensein zu Gott ist der erste Schritt dahin, mit seiner Liebe übereinzustimmen, einer Liebe, die Vielfalt geschaffen hat.

Schwester Renate Kersten

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