Segen - Überlegungen aus Theorie und Praxis

Erfahrungen mit Segen sind zunächst nichts, was uns als geistlicher Gemeinschaft spezifisch zu eigen wäre. Im Gegenteil: dass Gott freundlich auf uns schauen möge, und dass auf Übergängen in unserem Leben Segen liegen möge, diesen Wunsch teilen wir mit allen Menschen.

Von Schwester Ruthild Pell-John am 10. Dezember 2019

Segen – Überlegungen aus Theorie und Praxis

In den letzten Wochen fragte ich in verschiedenen Gruppen unserer Kir­chengemeinde: „Woran denken Sie, wenn Sie das Wort ‚Segen‘ hören?“ Eine Auswahl der Antworten lautet: „Segen ist verbunden mit guten Wün­schen, z. B. zum Geburtstag.“ „Segen ist etwas Gutes.“ „Segen braucht man ab und zu“. „Man fühlt sich irgendwie anders, wenn man einen Segen be­kommen hat.“ „Es ist etwas Persönliches“. „Segen gehört dazu“. „Gebor­genheit“. „An Gottes Segen ist alles gelegen.“ „Erntesegen“. „Einsegnung und Aussegnung“. „Etwas Gutes wünschen.“ „Ein segensreiches Leben“. „Kindersegen“. „Segenswünsche zum Geburtstag“. „Der Segen im Gottes­dienst“. „Wohlstand“.

Die Antworten in meiner Mini-Umfrage spiegeln verschiedenen Verstehensmöglichkeiten des Begriffes „Segen“, für die Dorothea Greiner in ihrem Buch „Segen und Segnen“ fünf Kategorien ausmacht:
„‚Segen‘ kann einen Akt bezeichnen.
‚Segen‘ kann einen Spruch und das Symbol des Kreuzes meinen.
‚Segen‘ kann die wirkmächtige Gegenwart Gottes bezeichnen.
‚Segen‘ ist auch das Gute, das aus dieser Gegenwart des gütigen Gottes fließt
‚Segen‘ als Metapher für Fülle und Gabe.‘“ [1]
Die folgenden Überlegungen orientieren sich an dieser Systematik.

Der Segen ereignet sich im Akt des Segnens. Er vollzieht sich indem er aus­gesprochen wird, sei es hörbar oder gedanklich. Die Tatsache, dass jemand den Segen ausspricht, bewirkt das Gesegnetsein des Gegenübers. Wenn der Segen zugesprochen wird, so sind diejenigen, zu denen er gesagt wird, Gesegnete.

Im Hebräischen, der Sprache des Alten Testament bedeutet das Wort für segnen, barach, zugleich auch „weihen“, „glücklich sein“, „preisen“. In der schlichten Formel: „Sei gesegnet“ klang für den alttestamentlichen Men­schen immer eine ganze Fülle guter Wünsche mit.

Im Griechischen, der Sprache des Neuen Testaments wird für „segnen“ das Wort eulogeo benutzt. Wörtlich übersetzt bedeutet es: „Gutes sagen“ oder „Gut reden“. In der Septuaginta und in den neutestamtlichen Schriften wird es fast ausschließlich als griechisches Äquivalent für das hebräische barach gebraucht. Hier öffnet sich für mich noch eine andere Richtung zum Weiter­denken, nämlich die nach der Bedeutung des eigenen Redens. Ist mein Re­den segensreich? Rede ich Gutes? Rede ich gut – von meinem Mitmenschen, von dem, was mir begegnet? Auch im Alltäglichen kann es geschehen, dass meine Rede Wirklichkeit schafft …

Das deutsche Wort „segnen“ kommt vom lateinischen Ausdruck cruce signare. Übersetzt heißt es: „mit dem Kreuz (be)zeichnen“.
Martin Luther gab seinem Morgen- bzw. Abendsegen nicht nur die Worte, sondern er empfahl dazu: „Des Morgens, wenn du aufstehst, kannst du dich segnen mit dem Zeichen des heiligen Kreuzes und sagen: „Das walte Gott Vater, Sohn und Heiliger Geist!bzw. „Des Abends, wenn du zu Bett gehst, kannst du dich segnen mit dem Zeichen des heiligen Kreuzes und sagen: Das walte Gott…“[2]
Der Pastor / die Pastorin zeichnet das Kreuz über dem Täufling, dem Braut­paar, den Konfirmierten, den Konfirmationsjubilaren, der Trauergemeinde, dem Sarg oder der Urne, zu mancherlei anderen Gelegenheiten und natürlich über jeder Gottesdienstgemeinde.
Wenn ich Menschen persönlich segne, lege ich ihnen die Hand auf den Kopf oder auf die Schulter. Die Geste des Kreuzzeichnens oder Handauflegens ist nicht der Segen, sondern macht den Akt des Segnens sinnlich erfahrbar.

In unserem Landkreis in Mecklenburg/Vorpommern wird jährlich gemein­sam mit dem hiesigen Kreisfeuerwehrverband und der polnischen Partner­wojewodschaft ein ökumenischer Floriansgottesdienst gefeiert. Zu diesem Gottesdienst gehört, dass kleine Kärtchen gesegnet werden. Sie tragen auf einer Seite das Bild der einladenden Kirche und auf der anderen Seite einen Segen für Einsatzkräfte,[3] und werden an die Feuerwehrleute verteilt. Die Mehrheit der Feuerwehrleute in unserer Gegend ist weder im christlichen noch in einem anderen Glauben zu Hause. Diese Kärtchen jedoch nehmen sie an sich und tragen sie bei sich. Ihnen geht es, wie wohl vielen Menschen in unserem Land: Segen ist für sie etwas, von dem sie eher ahnen, dass es etwas mit Gott und mit dem Guten in ihrem Leben zu tun hat, als dass sie es selbst in Worte fassen können.

Der Segen wird gelegentlich als „Schwellenritus“ bezeichnet, denn er hat seinen hauptsächlichen Ort an den Übergängen im Leben: an der Schwelle zwischen Gottesdienst und Alltag, als Geburtstagssegen am Übergang zum neuen Lebensjahr, als Taufsegen beim Eintritt in die allumfassende Kirche, als Trausegen beim Übertritt in den neuen Familienstand, als Reise- oder Pilgersegen zu Beginn des Weges und zu vielen Gelegenheiten mehr. In unserer Gemeinde segnen wir z. B. Kinder, die die Kita verlassen und in die Schule kommen.

Segen ist weder an offizielle Gelegenheiten, noch an liturgische Formen oder ein geistliches Amt gebunden. Als Christen sind wir vielmehr alle eingeladen und aufgefordert zu segnen. (Matthäus 5,44 und Parallelstellen).

Beim Segnen passiert etwas zwischen Gott und Mensch. Der Segen hängt nicht von der Tagesform oder der Glaubenskraft des Segnenden ab, sondern allein von Gott. Der Segnende und der Gesegnete vertrauen darauf, dass Gott im Segen durch ihn bzw. an ihm handelt.

Was konkret sich durch das gesegnet werden im Leben eines Menschen än­dert, bleibt unverfügbar. Wie sich Segen im Leben eines Menschen mani­festiert, ob er sichtbar und spürbar wird oder im Verborgenen bleibt, unter­liegt nicht unserer Verfügungsgewalt. Uns gilt allein der Auftrag „… segnet, weil ihr dazu berufen seid“ (1 Petrus 3,9).

Schwester Ruthild Pell-John

Morgensegen und Abendsegen von Martin Luther

Ich danke dir, mein himmlischer Vater
durch Jesus Christus, deinen lieben Sohn,
dass du mich diese Nacht

vor allem Schaden und Gefahr behütet hast,
und bitte dich,

du wollest mich diesen Tag auch behüten
vor Sünden und allem Übel,

dass dir all mein Tun Leben gefalle.
Denn ich befehle mich, meinen Leib und Seele

und alles in deine Hände.
Dein heiliger Engel sei mit mir,

dass der böse Feind keine Macht an mir finde.

Ich danke dir, mein himmlischer Vater
durch Jesus Christus, deinen lieben Sohn,
dass du mich diesen Tag gnädiglich behütet hast,

und bitte dich,
du wollest mir vergeben alle meine Sünde,

wo ich Unrecht getan habe,
und mich diese Nacht gnädiglich behüteten.

Denn ich befehle mich, meinen Leib und Seele
und alles in deine Hände.

Dein heiliger Engel sei mit mir,
dass der böse Feind keine Macht an mir finde.



[1] Dorothea Greiner: Segen und Segnen. Eine systematisch-theologische Grundle­gung. Stuttgart, Berlin, Köln 1999, S. 24f.

[2] Der dann folgende Wortlaut von Luthers Morgen- und Abendsegen ist nach diesem Beitrag abgedruckt.

[3] Es segne dich der allmächtige Gott in deinem Einsatz für die Menschen. Er schenke dir Besonnenheit anzuwenden, was du gelernt hast. Er schenke dir Mut, in extremen Einsätzen zu tun, du was du von dir selbst nicht erwartet hättest. Er schenke dir Geduld, hinzunehmen, was du nicht ändern kannst. Er schenke dir und denen, die dich lieben, nach jedem Einsatz eine glückliche Heimkehr. Es segne und behüte dich Gott, der Allmächtige und Barmherzige, Vater, Sohn und Heiliger Geist. Amen.

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