Wo ich bin ist Kirche

Für Christen stellt sich nicht die Frage, ob Barmherzigkeit ins öffentliche Leben gehört, sondern ob wir die Fantasie und den Mut haben, sie, in welchen Bereichen auch immer, zu praktizieren, nicht für uns selbst, sondern für das Gemeinwohl. Mariann Edgar Budde

Von Schw. Sibylle Ferner-Brecht am 30. Juni 2026

Das 10jährige Bestehen unseres Café International – einem Treffpunkt von Menschen mit unterschiedlichen Religionen und Kulturen in einem Team von ökumenischen Mitarbeitern – feierten wir in diesem Jahr mit einem ökumenischen Gottesdienst und einem großen Fest. Wir hörten eine moderne Übersetzung von Matthäus 15,21-28: Jesu Begegnung mit der Syro-Phoenizierin und ihrem unzerstörbaren Vertrauen.
Die Worte, die Khalil, ein Flüchtling aus Afghanistan, dazu fand, bewegen mich: „Ich kam als Fremder mit Angst im Herzen und Hoffnung zugleich. Ihr habt mich nicht zuerst gefragt, woher ich komme. Ihr habt mir einen Platz gegeben. Im Café International wurde ich gesehen. Aus Einsamkeit wurde Freundschaft. Aus Fremdsein wurde Freundschaft. ‚Ich war fremd und ihr habt mich aufgenommen‘, sagt Jesus. Dieser Satz ist für mich kein Zitat – er ist mein Leben hier. Danke an das Café International, danke an die Ibbenbürerinnen und Ibbenbürer. Danke an die Ehrenamtlichen, die mit Zeit, Geduld und Liebe Brücken bauen. Ihr habt mir Heimat geschenkt. Dafür danke ich euch von Herzen und freue mich über unsere Freundschaft.“
Ich war fremd und ihr habt mich aufgenommen – es ist kein Zitat für Khalil, sondern sein Leben hier! Welch ein Geschenk an uns! Wie stark ist sein Vertrauen!
Und unsere – meine – Antwort darauf? In meiner ärztlichen Betreuung von Migranten in der hiesigen Flüchtlingsunterkunft vertraue ich auch darauf, dass Hilfe möglich ist, dass es gut werden kann. Gerade im Umgang mit vulnerablen Personen wird so viel zusätzliche Unterstützung und Hilfe gebraucht: Menschen die auf den Rollstuhl angewiesen sind, Menschen mit post-traumatischen Störungen, Angststörungen, chronisch Kranke, Kinder mit angeborenen Entwicklungsstörungen, Familien die eine Abschiebung befürchten.
Da ist viel unausgesprochene Angst – gerne würde ich sie mehr spüren lassen, dass sie willkommen sind, und sagen: Erzähl mir von dir – zeig mir deine Sorgen und Wünsche – wir sind da für dich. Im Bemühen um deine Gesundheit können wir dir helfen. Doch dann greift die Bürokratie, müssen Anträge an die Bezirksregierung formuliert und geschrieben werden, es gibt die Einschränkungen. Die Asylgesetzgebung bestimmt den weiteren Verlauf. Ich lege Widerspruch ein – dann folgt noch ein Antrag, nochmal genauer. Beharrlichkeit und Gespräche mit der Einrichtungsleitung helfen dann doch weiter: eine spezielle medizinische Behandlung, ein besonderer Rollstuhl, ein teures Medikament wird bewilligt. Manchmal können wir auch in Zusammenarbeit mit unserem Arbeitskreis in besonders schwierigen Fällen, in denen die Abschiebung droht, ein Kirchenasyl vermitteln. Die Freude, wenn danach dann doch die Zuweisung in eine Gemeinde kommt, ist groß!

Nach all den Jahren in der Asylbewerberbetreuung fühle ich mich, trotz aller Mühe, als die Beschenkte:
Ich war fremd und ihr habt mich aufgenommen –
ER nimmt Wohnung in uns.

Nicht müde werden
sondern dem Wunder
leise
wie einem Vogel
die Hand hinhalten. Hilde Domin

Schwester Sibylle Ferner-Brecht

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